Tagblatt-Kolumnen

In der Stadt rumhängen ...
Berührende Begegnung ...
Auf zur Architekturpirsch ...
Viel Wissen beim Hissen ...
Da sehen die Jungen ganz schön alt aus ...
Hochzeit in Zürich ...
Urlaub schafft Mutter ...
Ich will Bauklötze staunen ...

In der Stadt rumhängen

Der Stadtrat von Zürich, Persönlich-Kolumne vom 14. Januar 2009

Seit ich mich vor rund 15 Jahren zum ersten Mal um das Amt einer Stadträtin beworben habe, kenne ich es, dieses «metaphysische Grusle», wie es Mani Matter in seinem Chanson «Bim Coiffeur» beschrieben hat. Ob ich im Tram sitze oder zu Fuss unterwegs bin, immer werde ich von ihr beobachtet. Von oben, von der Seite, von weit und von nah. Sie lässt mich nicht aus den Augen. Sie, das bin ich. Denn meine Wahlplakate fürs Stadtpräsidium hängen in der ganzen Stadt. Das ist wie hundert Mal pro Tag vor den Spiegel stehen und sich immer fragen - bin ich das? Irgendwie schon, aber dann eben auch nicht. Es ist eben plakativ. Es ist eben Wahlkampf.

Umso glücklicher bin, dass ich nicht nur von den Wänden lächeln, sondern dank der Wahlen wieder vermehrt Kontakt zu den Menschen haben kann. Politik auf der Strasse. Da gibts heisse Diskussionen in eisiger Kälte. Seit über 30 Jahren engagiere ich mich politisch für diese Stadt. Als Mutter, als Gemeinderätin, als Gemeinderatspräsidentin, als Stadträtin und Vize-Stadtpräsidentin. Und durch all die Jahre war mir der direkte Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern wichtig. Es gab schlechte Zeiten in den 90er Jahren, es gab gute Zeiten und nun stehen uns schwierigere Jahre bevor. Ich habe all diese Jahre als Stadträtin erlebt. Ich weiss, wir schaffen es gemeinsam. Auch wenn all meine Wahlplakate verschwunden sind, lasse ich diese Stadt und ihre Menschen nicht hängen. Ich werde mich weiterhin für sie einsetzen, sei es als Stadtpräsidentin oder als Stadträtin und Bürgerin von Zürich.

Kathrin Martelli,
Stadträtin

Berührende Begegnung

Der Stadtrat von Zürich, Persönlich-Kolumne vom 12. November 2008

Es gibt sie, die magischen Momente, die aussergewöhnlichen Augenblicke, die eindrücklichen Erlebnisse und die berührenden Begegnungen. Wir wissen sofort: Daran erinnere ich mich mein Leben lang.

Letzten Monat erlebte ich einen dieser Momente beim Treffen mit dem ehemaligen Uno-Generalsekretär, Kofi Annan. Er referierte an der Universität Zürich, sprach vom Klimawandel, von den Problemen und von möglichen Lösungen. In der Aula sassen viele junge Menschen, und sie hörten ihm zu. Mucksmäuschen still. Ich spürte, Kofi Annan erreicht seine Zuhörer und Zuhörerinnen nicht nur intellektuell, sondern findet einen direkten Zugang zu den Herzen.

Nach der Rede durfte ich ihn als Vize-Stadtpräsidentin im Muraltengut begrüssen. Beim Essen sassen wir nebeneinander und führten eine angeregte Diskussion über den Beitrag der Stadt Zürich zu einem wirksamen Klimaschutz. Ich war überrascht, wie gut Kofi Annan über den Einsatz für die ökologische, soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit beim Planen und Bauen in meinem Departement Bescheid wusste.

Der 70-jährige Annan ist eben nicht nur weise, sondern auch wissbegierig. Er hat Witz, und was mich sehr beeindruckte, er hat die seltene Fähigkeit zur Selbstkritik. So gross seine Karriere, so beeindruckend seine Biografie, so bescheiden und nachdenklich ist Kofi Annan in der direkten Begegnung. Ein Vorbild für alle, vor allem für diejenigen, die in der Verantwortung stehen. Sei es in der Familie, in der Wirtschaft oder in der Politik. Ich jedenfalls nehme diese berührende Begegnung mit auf meinen weiteren Weg.

Kathrin Martelli,
Stadträtin

Auf zur Architekturpirsch

Der Stadtrat von Zürich, Persönlich-Kolumne vom 9. Juli 2008

Beim Hagenholz? Bei der Kehrichtverbrennungsanlage? Neben den Bahngeleisen? Richtig, sagt der ältere Herr, der im 11-Tram eine Sitzbank vor mir sitzt und seinem jüngeren Kollegen zu erklären versucht, was er eben erlebt hat. «Du glaubst es nicht, da stand eine ganze Traube Touristen, die haben da diese Baustelle geknipst.» Der Jüngere gibt zu, dass er seit seinem letzten Umzug - Altlasten entsorgen - nie mehr in jener Gegend war. Aber Leutschenbach, ja das sage ihm was. Das Fernsehen ist doch da. Stimmt denke ich, bis vor kurzem haben wir diese Gegend nur aus der Ferne gesehen.

Vielleicht lesen die beiden Herren diese Kolumne und ich will für sie das Geheimnis lüften, was die Gäste aus dem Ausland da draussen verloren haben. Ich bin mir fast sicher, die Fotoapparate waren auf das im Bau befindliche Schulhaus Leutschenbach des Zürcher Architekten Christian Kerez gerichtet. Ein tolles Gebäude, ein Wurf, eine ausgetüftelte Konstruktion mit einer weit leuchtenden Turnhalle, die den kompakten Bau krönt.

Leutschenbach rückt der Stadt näher. Im September wird der Bevölkerung das Herzstück, der neue Park, übergeben. Die Leutschenbachstrasse, bis vor kurzem eine undefinierte Verbindung im postindustriellen Niemandsland, wandelt sich zum Boulevard, Alleebäume werden gesetzt. Diese Verwandlungen faszinieren die FotojägerInnen aus aller Welt. Sie sind aber auch in Neu-Oerlikon, Zürich-Affoltern, Letzi und natürlich Zürich-West anzutreffen. Es sind nicht Tausende, die zu Zürichs Entwicklungsecken pilgern, aber viele Interessierte. Zürich zeigt neue Architektur. Nicht alles ist so spektakulär wie Kerez' Schulhaus, aber KennerInnen fokussieren ihre Linsen auch auf kleinere, sauber und sorgfältig gesetzte neue Bauten. Ich wünschte uns allen auch ein wenig diesen unbefangenen neugierigen Touristenblick auf Zürich. Vielleicht hilft dabei eine der vielen kostenlosen Stadtführungen, die wir im Rahmen des Legislaturschwerpunktes «Planen und Bauen für die Stadt von morgen» durchführen. Vergessen Sie aber die Fotokamera nicht!

Kathrin Martelli,
Stadträtin

Viel Wissen beim Hissen

Der Stadtrat von Zürich, Persönlich-Kolumne vom 25. April 2007

Es flattern Constaffel, Saffran, Meisen, Schmiden und ganz hinten Witikon. Die Flaggen der Zünfte reihen sich eine neben der anderen am Ufer des Züri-Sees. Es ist Sechseläuten. Und wie jedes Jahr wird die Reihenfolge kritisch kontrolliert. Da meint der eine einen Fehler entdeckt zu haben, aber der andere beruhigt ihn: "Das stimmt schon, nach Fluntern kommt Hottingen."

Noch vor ein paar Jahren hätte ich darüber geschmunzelt, heute aber weiss ich, es braucht viel Wissen beim Hissen. Früher reichte es mir, wenn ich vor dem Sechseläuten meinen Mann tatkräftig unterstützen musste, damit er mit viel Akrobatik und Risiko die Riesbacher Flagge an unserem Balkon installierten konnte, heute nun bin ich Kraft meines Amtes Flaggenmeisterin der Stadt Zürich. So würde ich es heute nicht mehr wagen in diesem Zusammenhang von Fahnen zu reden. Auf die trifft man beim Sechseläuten vielleicht bei Männern, aber nicht an Masten, denn da hängen eben die stoffigen Flaggen.

Wer nun meint, allein die Reihenfolge der Zunft-Flaggen sei festgelegt, irrt. Auch die Reihenfolge der Kantone ist zu beachten. Zürich setzt sich selbstbewusst vor die Bundeshauptstadt, dann entscheidet der Beitritt zur Eidgenossenschaft über das Nacheinander. Am Ende der Fahnen - Entschuldigung - Flaggenstange hängt darum der Jura.

Soll ich Ihnen noch die Unterschiede bei einem wiederkehrenden oder einmaligen Beflaggungsanlass erklären? Oder wann wir zur Vollbeflaggung schreiten und wann die individuelle Beflaggung angesagt ist? Oder wo genau, wann, welche Flaggen hängen müssen? Können Sie noch folgen oder flattert es Ihnen schon vor den Augen?

Dann empfehle ich Ihnen wärmstens das farbige, schön gestaltete Beflaggungsreglement der Stadt Zürich. Es ist in jeder Buchhandlung und im Amtshaus IV zu kaufen oder unter www.stadt-zuerich.ch/hochbau kostenlos einzusehen. Bereits am 1. Mai erlebt Zürich seine nächste Vollbeflaggung. Dann können Sie selber kritisch kontrollieren, ob wir die Flaggen an den 18 festgelegten Standorten richtig gehisst haben.

Kathrin Martelli,
Stadträtin

Da sehen die Jungen ganz schön alt aus

Der Stadtrat von Zürich, Persönlich-Kolumne vom 18. Oktober 2006

Rekurse gegen Bauentscheide gehören zu meinem Alltag wie der Regen zum Sonnenschein. Aber manchmal schmerzt es mich besonders, wenn wir jemanden im Regen stehen lassen müssen. So etwa vor kurzem Kinder und Jugendliche der Stadt Zürich, die sich sehnlichst einen Freestylepark wünschen, wo sie auf ihren Rollbrettern und Sportgeräten akrobatisch-gekonnt über Hindernisse flitzen können. Ich wollte eine baufällige Industriehalle provisorisch herrichten lassen. Der Umbau wurde bewilligt - aber dann regnete es uns den Rekurs in letzter Minute ins Haus.

Zwei Tage zuvor stellte der Gesamtstadtrat die Schwerpunkte für diese Legislatur vor. Einer davon: Der Stadtrat will sich für Frei-Räume, Arbeit und Sicherheit für die Jugendlichen einsetzen. Aber wie das Beispiel der Freestyle-Anlage zeigt, ist der Stadtrat gerade bei den Frei-Räumen nur bedingt frei in seiner Entscheidung, es bleibt ihm oft wenig Raum. Es ist paradox: BesetzerInnen nehmen sich Häuser ohne zu fragen und gegen diejenigen, die fragen und sich ans Recht halten wird rekurriert. Aber eben: Wir leben in einem Rechtsstaat und da hat jeder das Recht zu rekurrieren, auch wenn er am Schluss nicht Recht bekommt. So will es der Rechtsstaat. Der Stadtrat will nur ein wenig mehr Frei-Räume für die Jugendlichen. Und dafür werde ich mich mit dem Stadtrat in den nächsten vier Jahren einsetzen.

Kathrin Martelli,
Stadträtin

Hochzeit in Zürich

Der Stadtrat von Zürich, Persönlich-Kolumne vom 26. Januar 2005

Zürich verliert, was ich nicht los werde: die Höhenangst. Noch heute wird es mir höchst unwohl, wenn ich an das TV-Interview auf einem der Hardau-Wohntürme vor einem Jahr denke. "Kein Problem, es hat eine hohe Brüstung", hatte man mir hoch und heilig versprochen. Wie wahr, aber die Brüstung war zu hoch. So konnte die Kamera die weite Sicht vom hohen Turm nicht einfangen. Also stieg ich wie einst Mani Matters Babettli aufs Taburettli, schwankend. Toll, rief der hochbeglückte Kameramann, der auf einer wackeligen Leiter den weiten Winkel suchte. Ich suchte die innere Ruhe, denn neben mir gings rund 90 Meter in die Tiefe. Dieser Höhepunkt in meinem Stadträtinnen-Dasein jedenfalls hinterliess bei mir einen tiefen Eindruck.

Weniger Angst vor Höhepunkten hat seit kurzer Zeit die Stadt Zürich. Was man die letzten 25 Jahre höchstens hinter vorgehaltener Hand hören lassen durfte, ist heute hochaktuell: Hochhäuser. Auch die Stadtverwaltung ist auf der Höhe der Zeit und im Dezember ins Verwaltungszentrum Werd eingezogen. In Oerlikon recken sich die Sunrise-Tower und Bluewin hat in Zürich-West das Sulzer Hochhaus eingebläut. Und selbst beim Hardturm stehen die Baugespanne für das 70-Meter Hochhaus neben dem künftigen Stadion Zürich.

Vor zwei Wochen nun durfte ich bei der Präsentation des geplanten Maag-Towers von Annette Gigon und Mike Guyer dabei sein. Mit seinen 126 Metern wird er nicht gerade die Wolken kratzen, aber zumindest den Zürcher Nebel kitzeln. Dass das Gebäude das höchste der Schweiz sein wird, ist weniger wichtig. Wichtig ist, dass unsere Stadt ein Zeichen setzt: Zürich ist auf der Höhe der Zeit. Ich habe Hochachtung für die privaten Investoren, die hier einen Höhepunkt für Zürich bauen wollen. Schöne Aussichten - hohe Ziele. Als Vorsteherin des Hochbaudepartements bin ich natürlich hoch beglückt. Nur eines macht mir Sorgen: Muss ich die Interviews wieder in schwindelerregenden Höhen geben?

Kathrin Martelli,
Stadträtin

Urlaub schafft Mutter

Der Stadtrat von Zürich, Persönlich-Kolumne vom 22. September 2004

Haben Sie Ihre sömmerlichen Ferien hinter sich? Sehnen Sie sich bereits wieder nach südlicheren Tagen, weil sich bei uns der windig-kühle Herbst gemeldet hat? Ach schöne Urlaubszeit! Ihr gilt unser stetig Streben an strengen Arbeitstagen. Urlaub ist eigentlich «die Erlaubnis wegzugehen». Wegzugehen vom Militär, das den Urlaub einst erfand, und wegzugehen von der Arbeit. Dolce-far-niente und neue Horizonte.

Und nun wird uns Müttern ein einmaliges Angebot gemacht: der Mutterschaftsurlaub! Also nicht Urlaub vom Militär, nicht Urlaub von der Arbeit, sondern Urlaub vom Mutter-Job! Mal nicht Tag und Nacht muttern müssen. Sie haben recht: Das stimmt ja gar nicht. Muttschaftsurlaub bedeutet einfach: Die Frau unterbricht ihren Erwerb, weil sie ein Kind zur Welt bringt. Und das nennt mann Urlaub. Mit Verlaub, dieser Urlaub gehört zur strengsten Zeit für eine Frau. Dieser Urlaub schafft die Mutter. Nichts mit weggehen. Vielleicht sind schon andere Kinder da, welche die Mutter beanspruchen. Kurze Nächte, lange Tage. 14 Wochen lang soll nun während dieser Zeit 80% des Lohnes bezahlt werden, bevor die Frauen sich dann am Arbeitsplatz von ihrem «Urlaub» zurückmelden. Es wird also kein Feriengeld ausbezahlt, sondern ein Erwerbsersatz und folgerichtig wird die Auszahlung über die Erwerbsersatzordnung geregelt. Der vom FDP-Nationalrat Pierre Triponez initiierte Vorschlag schafft eine einheitliche Ordnung, aber verschafft nicht Tausenden von Schweizer Müttern einen zusätzlichen Urlaub.

Erlauben Sie mir die Aufforderung: Nehmen Sie keinen Urnenurlaub und legen Sie am nächsten Wochenende ein JA für den Mutterschafts-Nichturlaub ein. Herzlichen Dank.

Kathrin Martelli,
Stadträtin

Ich will Bauklötze staunen

Der Stadtrat von Zürich, Persönlich-Kolumne vom 10. September 2003

Wumm. Krach. Mit grossem Getöse stürzen die Legohäuser und Holzgetürme ein. Unter Hurrageschrei haben meine Kinder ihre Bauwerke geschleift. Das scheint erstaunlich, hatten sie sich doch zuvor intensiv mit dem Bau, der Statik und nicht zuletzt mit einer spielerischen Ästhetik auseinandergesetzt. Doch nun liegen ihre Taten in Trümmer. Das ist kein Grund zur Trauer - denn die Kinder haben Platz geschaffen für neue Ideen.

Diese Art der Bau- und Abbruchtätigkeiten sind bei der Familie Martelli inzwischen Geschichte - meine Kinder sind gross geworden. Aber ich bin überzeugt: In vielen Kinderzimmern von Zürich wird heute noch mit ebensolcher Lust und Kreativität gebaut.

Oft wünschte ich mir für die Stadt Zürich mehr von diesem kindlichen Willen zur freieren Gestaltung, von diesem unermüdlichen Schaffensdrang, und vor allem wünschte ich mir mehr Mut, solche Projekte auch zuzulassen. Gerade darum habe ich mich am letzten Sonntag so gefreut. Die Stimmberechtigten haben Ja gesagt zum Stadion Zürich, einem grossartigen und aussergewöhnlichen Projekt. Für einmal haben wir uns nicht in zwinglianischer Bescheidenheit geziert, sondern ein Zeichen für Zürich gesetzt.

Trotz dieses tollen Abstimmungsergebnisses, werden in Zürich die Bäume und schon gar nicht die Bauten in den Himmel wachsen. Aber als Vorsteherin des Hochbaudepartements möchte ich weitere aussergewöhnliche und kreative Projekte von Spitzenarchitekten und -architektinnen ermöglichen. Es hat Platz in der Stadt, das ist nicht das Problem. Die Frage ist, ob wir in unseren Köpfen Platz schaffen können für solche Ideen. Wenn uns das gelingt, kann ich in zehn Jahren Bauklötze staunen, weil in dieser Stadt (fast) so viel möglich geworden ist, wie früher im Zimmer meiner Kinder.

Kathrin Martelli,
Stadträtin